ProgrammI.Phase/Pilotphase(2017-18)

Pilotphase (2017-18)

In Folge der III. Internationalen Männerkonferenz, die im Oktober 2016 in Luxemburg stattfand und mit dem Titel „Who cares? Who shares? - Caring Masculinities“ überschrieben war, förderte das luxemburgische Ministerium für Gleichstellung von Frauen und Männern (Ministère de l’Égalité entre les femmes et les hommes) in der Zeit vom 1. November 2017 bis zum 31. Juli 2018 das Programm „Männer an der ausserschoulescher Kannerbetreiung - Les hommes dans l’éducation non formelle des enfants - Männer in der non-formalen Bildung von Kindern in Luxemburg“(1).

Vorrangiges Ziel dieses Pilotprogramms war es, relevante Akteure aus Politik und Praxis für dieses Thema zu sensibilisieren und damit den Weg zu ebnen, für eine mittel- bis längerfristige Erhöhung des Anteils männlicher Fachkräfte in der außerschulischen Kinderbetreuung.

Um diesem Ziel näher zu kommen, wurden von dem Institut für Gender und Diversity in der sozialen Praxisforschung (IGD) der Katholischen Hochschule für Sozialwesen aus Berlin und infoMann - actTogether asbl Daten recherchiert, eine Arbeitsgruppe mit Akteuren aus Politik, Ausbildung und Praxis ins Leben gerufen sowie ein Fragebogen an die Einrichtungen der non-formalen Bildung verschickt. Die gewonnen Erkenntnisse bzw. Erfahrungen wurden am 21. Juni 2018 im Rahmen einer Konferenz an der Universität in Esch/Belval der (Fach-) Öffentlichkeit vorgestellt und dokumentiert. Die Dokumentation ist hier abrufbar->

Argumente: Warum Programme zur Erhöhung des Anteils männlicher Fachkräfte in Einrichtungen der non-formalen Bildung?

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  • Einige EU-Länder, wie beispielsweise Luxemburg und Deutschland, haben ihre Gleichstellungspolitik in den letzten Jahren neu ausgerichtet. Neben der traditionellen Gleichstellungspolitik, die sich in erster Linie an Frauen richtet, bemüht sich diese Gleichstellungspolitik mittlerweile verstärkt darum, auch Männer gleichstellungspolitisch anzusprechen. Die Länder verfolgen damit unter anderem das Ziel, veraltete und zunehmend dysfunktionale Männerbilder zu erweitern sowie mehr Männer und Jungen für bisher eher weiblich konnotierte Tätigkeitsfelder zu gewinnen.
  • Programme zur Erhöhung des Männeranteils in der außerschulischen Kinderbetreuung stehen teilweise in engem Zusammenhang mit einem Fachkräftemangel in diesem Arbeitsfeld. In Deutschland beispielsweise werden neben Männern auch andere in Kinderbetreuungseinrichtungen unterrepräsentierte Personengruppen als potenzielle Fachkräfte umworben, wie zum Beispiel interessierte Berufswechsler*innen.
  • Seit ca. 20 Jahren ist das Thema „Männer in der außerschulischen Kinderbetreuung“ zunehmend Gegenstand von Forschungsstudien. Wurden bis 2010 insbesondere kleinere qualitative Studien in nur wenigen Ländern, wie beispielsweise in Australien, Deutschland, England, Neuseeland und Norwegen veröffentlicht, widmeten sich in den letzten Jahren zunehmend mehr Wissenschaftler*innen im Rahmen von größer angelegten Studien vor allem im deutschsprachigen Raum dem Thema. Einige Ergebnisse dieser Studien untermauern die Forderung nach einer Erhöhung des Männeranteils im Bereich der frühkindlichen Bildung und Erziehung. Die Forschungsprojekte stellen beispielsweise folgende Ergebnisse heraus:
    • Männer sind in außerschulischen Kinderbetreuungseinrichtungen sehr erwünscht. So weist beispielsweise die Studie „Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten“ nach, dass in Deutschland unter Träger-Verantwortlichen, Einrichtungsleitungen und Eltern der weit verbreitete Wunsch nach einer Steigerung des männlichen Fachkräftepersonals besteht (vgl. Cremers/Krabel/Calmbach 2010). Auch in Österreich stoßen männliche Erzieher auf große Akzeptanz (vgl. Aigner/Rohrmann 2012). Dies scheint ebenso für Luxemburg zu gelten, dies legen zumindest die Ergebnisse der Fragebogenerhebung unter Einrichtungen der non-formalen Bildung nahe (siehe Seite 11).
    • Aus Sicht der in den Studien befragten Fachkräfte und Eltern, spricht eine Vielzahl an Gründen für mehr männliche Erzieher:
      • Erzieher seien wichtige Vorbilder für Jungen und Mädchen.
      • Durch die Zusammenarbeit von weiblichen und männlichen Fachkräften könnten Kinder lernen, wie Männer und Frauen wertschätzend miteinander umgehen.
      • Weibliche und männliche Fachkräfte können in ihrer pädagogischen Arbeit voneinander lernen.
      • Männliche Erzieher seien gewinnbringend für die Elternarbeit. Insbesondere da sie als Ansprechpartner für Väter fungieren könnten.
      • Mehr männliche Fachkräfte könnten zudem dazu beitragen, dass sich die gesellschaftliche Anerkennung des Erzieher/-innenberufs erhöht.
    • Insbesondere die deutsche Tandem- und die österreichische W-INN-Studie legen nahe, dass männliche Fachkräfte zu mehr Diversität in außerschulischen Kinderbetreuungseinrichtungen beitragen und bereichernd für den Beziehungsalltag mit den Kindern wirken (vgl. Aigner et al. 2013 und Brandes et al. 2016). Konkret zeigt die Tandem-Studie beispielsweise, dass männliche und weibliche Fachkräfte unter fachlichen Gesichtspunkten kaum differieren und z.B. bindungstheoretische Annahmen aus der Elternforschung (Mütter seien eher „einfühlsam-bindungsorientiert, Väter eher herausfordernd und explorationsorientiert“) nicht auf Fachkräfte übertragbar sind (vgl. Brandes et al. 2016). Zu signifikanten Unterschieden kommt es in der Tandem-Studie allerdings dann, wenn es darum geht, was männliche und weibliche Fachkräfte jeweils gerne mit den Kindern tun und welche Interessen und Neigungen von Jungen und Mädchen sie bevorzugt aufgreifen.

Internationale Entwicklungen

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Das Luxemburger Projekt „Männer an der ausserschoulescher Kannerbetreiung“ steht in einer Reihe mehrerer kleinerer und größerer (politischer) Strategien, Projekte und Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils männlicher Fachkräfte im Bereich der außerschulischen Kinderbetreuung in anderen Ländern Europas.

So wurden beispielsweise in Norwegen seit 1996 mehrere Aktionspläne zur Gleichstellung in außerschulischen Kinderbetreuungseinrichtungen erarbeitet, die unter anderem das Ziel verfolgten, den Männeranteil in der außerschulischen Kinderbetreuung auf 20% zu erhöhen. Und auch Dänemark fördert schon seit Anfang der 90er Jahre immer wieder staatliche Initiativen und Kampagnen zur Erhöhung des Männeranteils in Arbeitsfeldern der Erziehung, Bildung und Pflege. Das bisher umfangreichste Programm wurde in Deutschland durchgeführt. Es beinhaltete die Etablierung einer Koordinationsstelle „Männer in Kitas“, ein mehrjähriges Modellprogramm und mehrere wissenschaftliche Studien.

In den zurückliegenden Jahren wurde das Thema „Männer in der außerschulischen Kinderbetreuung“ auch von internationalen Institutionen aufgegriffen. So forderte beispielsweise im Jahr 2006 die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in ihrem Bericht „Starting Strong II“ die Umsetzung von Strategien zur Rekrutierung und zum Erhalt eines gut ausgebildeten, gemischtgeschlechtlichen Personals (vgl. OECD 2006). Zuletzt wurde die Forderung auch durch die Europäische Kommission 2011 erneuert. In ihrem Aktionsplan „Frühkindliche Betreuung und Erziehung“ (FBBE) stellt sie fest, dass es vor dem Hintergrund der unausgewogenen Repräsentation der Geschlechter im Arbeitsfeld, dringend erforderlich sei, in allen EU-Ländern die Laufbahn im FBBE-Sektor für Männer attraktiver zu gestalten (vgl. European Commission 2011).


(1) Der Titel des Programms verweist bereits auf die Vielfalt bzw. Unübersichtlichkeit, der in Luxemburg gebrauchten Bezeichnungen. So existieren - sprachenabhängig - unterschiedliche Akzentuierungen und damit Verständnisse der Begriffe Betreuung, Erziehung und Bildung. Neben der offiziellen Unterscheidung zwischen „formaler“ (schulische Einrichtungen) und „non-formaler“ Bildung (außerschulische Einrichtungen) existiert die noch relativ junge Bezeichnung „SEA“ (Services d’éducation et d’accueil). Auch in dieser Dokumentation werden unterschiedliche Begriffe benutzt, die aber immer folgendes meinen: Die professionelle pädagogische Arbeit mit Kindern in Crèche, Maison Relais oder Foyer Scolaire.