Programm 4. Ausblick

Das vom Ministerium für Chancengleichheit initiierte Programm „Männer an der ausserschoulescher Kannerbetreiung“ stieß auf großes Interesse und mobilisierte eine Vielzahl wichtiger Akteure der non-formalen Bildung, sich in einem offenen und partizipativen Prozess auf das Thema einzulassen und weiterzuentwickeln. Nach dem (vorläufigen) Ende des Programms lässt sich deshalb konstatieren, dass männliche Fachkräfte in Einrichtungen der non-formalen Bildung in Luxemburg erwünscht sind und sich relevante Akteure aus diesem Arbeitsfeld für eine Erhöhung des Anteils männlicher Fachkräfte aussprechen.

Zwei weitere Gründe sprechen dafür, das Thema „Männliche (und weibliche) Fachkräfte in der non-formalen Bildung“ auch zukünftig auf die (fach)politische Agenda zu setzen.

Erstens stellt Diversität im sogenannten „Bildungsrahmenplan“ (Nationaler Rahmenplan zur non-formalen Bildung im Kindes- und Jugendalter bzw. Cadre de référence national sur l’éducation non formelle des enfants et des jeunes) des Ministeriums für Bildung und Erziehung (MENJE) ein Qualitätsmerkmal dar. So heißt es in dem Bildungsrahmenplan beispielsweise, dass sich „die Vielfalt einer pluralistischen Gesellschaft in ihren Bildungseinrichtungen [widerspiegelt]“ (S.23, „Übergreifende Bildungsprinzipien“). Aus unserer Sicht sollte dieser bildungspolitische Anspruch eine relevante Bezugsgröße bei der Überlegung darstellen, inwieweit in Luxemburg Strategien zur Erhöhung des Anteils männlicher Fachkräfte in der non-formalen Bildung umgesetzt werden sollten.

Zweitens gewinnt das Thema „Gewinnung männlicher Fachkräfte“ auch vor dem Hintergrund der „Betreuungsplatzexplosion“(4) der letzten Jahre im Bereich Services d’éducation et d‘accueil und dem damit verbundenen vielerorts beklagten Fachkräftemangel eine besondere Bedeutung. Unserer Meinung nach ließe sich die aktuelle „Qualitätsoffensive“ des MENJE gut mit einer „Fachkräfteoffensive“ verbinden, in deren Rahmen auch mehr männliche Fachkräfte für die Arbeit in Einrichtungen der non-formalen Bildung gewonnen werden könnten.

Nächste Schritte

Wie könnten nächste Schritte zur Weiterführung des Programms aussehen?

Die vielen Diskussionen, die in der Programmlaufzeit - unter anderem im Rahmen der Arbeitsgruppentreffen und der Konferenz - mit vielen relevanten Akteuren aus (Fach)Politik und Praxis geführt wurden, haben gezeigt, dass diese eine Fortführung des Programms „Männer an der ausserschoulescher Kannerbetreiung“ befürworten würden. Aus Sicht dieser Akteure müsste eine Programmfortführung insbesondere folgende Aspekte berücksichtigen:


Entwicklung einer Datenbasis

„Wie lässt sich Qualität steuern bzw. verbessern, wenn die aktuelle Personalsituation nicht bekannt ist?“. Diese Äußerung eines Teilnehmers der programmbegleitenden Arbeitsgruppe macht deutlich, dass eine zentrale Bedingung für die Entwicklung von mehr Prozessqualität in dem Wissen um die aktuelle Personalsituation in den Crèches und Maisons Relais bzw. Foyers Scolaires liegt. Die Generierung einer regelmäßig aktualisierten Datenbasis, um standardisierte und damit vergleichbare Informationen zur Situation des pädagogischen Personals zu erhalten, bildet die erforderliche Grundlage für mehr Qualität in der non-formalen Bildung. Eine Empfehlung ist deshalb, den im Rahmen des Programms eingesetzten Fragebogen für Einrichtungen der non-formalen Bildung als Erhebungsinstrument weiterzuentwickeln und dabei um zusätzliche Dimensionen, wie beispielsweise das Alter und Aufgabengebiet sowie die Dienstjahre und den Migrationshintergrund des Personals zu erweitern.

Empfehlenswert wäre hierbei die enge Einbindung jener Organisationen, die mit dieser Aufgabe im Rahmen der Qualitätsentwicklung betraut sind (Service National de la Jeunesse (SNJ) bzw. Ministère de l’Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse) und der Institutionen, die bereits eigene Instrumente zur Erfassung des pädagogischen Personals entwickelt haben (Träger wie Arcus, Caritas Jeunes et Familles, Croix-Rouge luxembourgoise, Elisabeth, Ville de Luxembourg u.a.). Die Université du Luxembourg signalisierte bereits die Bereitschaft, bei dem Aufbau einer Datenbasis eine wissenschaftlich begleitende und/oder koordinierende Rolle übernehmen zu können.

Neben dem Aufbau einer statistischen Datenbasis sollte es perspektivisch zudem ein verstärktes Wissen über die Arbeitsbeziehungen und Ressourcen gemischtgeschlechtlicher Teams, über eventuelle stereotype Tätigkeitsaufteilungen und Vorbehalte gegenüber männlichen Fachkräften geben. Erfahrungsberichte aus Luxemburg, aber auch Studien aus anderen Ländern zeigen beispielsweise, dass gemischtgeschlechtliche Einrichtungsteams Gefahr laufen, Geschlechterstereotype zu reproduzieren und männliche Fachkräfte, obwohl sie in den Einrichtungen willkommen geheißen werden, immer wieder gedanklich mit dem Thema „Sexueller Missbrauch an Kindern“ in Verbindung gebracht werden.

Aus unserer Sicht könnte eine qualitative Studie, die die Perspektiven von männlichen und weiblichen Fachkräften im Rahmen von Interviews einfängt, auch in Luxemburg erkenntnisgewinnend und Ausgangspunkt von qualitätssteigernden Organisations- und Personalentwicklungsmaßnahmen gemischtgeschlechtlicher Einrichtungen sein.


Entwicklung einer Kampagne auf Basis einer detaillierten Analyse des Berufsbildes des Erziehers/der Erzieherin

In der programmbegleitenden Arbeitsgruppe wurden die Image- und Werbekampagnen, die im Rahmen des deutschen Modellprogramms „Mehr Männer in Kitas“ entwickelt wurden, grundsätzlich positiv beurteilt.

Allerdings merkten einige Teilnehmer/-innen der Arbeitsgruppe an, dass eine entsprechende potenzielle luxemburgische Kampagne nicht eins zu eins die Kampagnenkonzepte aus Deutschland übernehmen dürfte, sondern sich an den Begebenheiten in Luxemburg ausrichten sollte. In der Arbeitsgruppe entstand daher die Idee, perspektivisch eine „Bestandsanalyse“ durchzuführen, die in Zusammenarbeit mit der Université du Luxembourg und beispielsweise den Berufsverbänden erfolgen könnte und sich an folgenden Fragen ausrichten sollte:

  • Ist das Berufsbild des Erziehers/ der Erzieherin in der öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich so negativ besetzt wie angenommen?
  • Welche Attraktivitätsfaktoren weist der Erzieher/-innenberuf auf und wie könnten diese im Rahmen einer Imagekampagne vermittelt werden?
  • Worin liegen die Gründe, dass sich so wenige (junge) Männer für diesen Beruf entscheiden?
  • Gibt es zu diesen Fragestellungen bereits Studien bzw. wissenschaftliche Erkenntnisse?
  • Lassen sich diese auf die Situation in Luxemburg übertragen?“

Auf der Basis luxemburgspezifischer Erkenntnisse sollten dann gezielte Maßnahmen wie zum Beispiel Image- und Werbekampagnen für klar definierte Zielgruppen, wie beispielsweise Männer oder potenzielle Quereinsteiger/innen, entwickelt werden.


Erarbeitung von Strategien, Maßnahmen und Projekten zur Gewinnung männlicher Fachkräfte und zur Verankerung von Geschlechterthemen in Zusammenarbeit mit Trägern von Einrichtungen der non-formalen Bildung.

Trotz des großen Interesses an männlichen Fachkräften mangelt es bei den Trägern in Luxemburg bislang an nachhaltigen, koordinierten Strategien zur Erhöhung des Männeranteils in der non-formalen Bildung.

Das in Deutschland durchgeführte Modellprogramm „Mehr Männer in Kitas“ hat gezeigt, dass Einrichtungsträger und Ausbildungsinstitutionen in Zusammenarbeit mit einer koordinierenden Institution vielfältige Strategien, Maßnahmen und Projekte zur Gewinnung und Bindung männlicher Fachkräfte nicht nur praxisnah entwickeln und umsetzen, sondern dabei auch erfolgreich sein können. Das deutsche Modellprogramm hat zudem deutlich gemacht, dass Einrichtungsträger sowie Ausbildungsinstitutionen mit Unterstützung einer Koordinationsstelle erfolgreich darin sein können, auch gleichstellungspolitische Themen bei den Fachkräfte- bzw. Dozent/-innen-Teams anzustoßen und geschlechtersensible Pädagogikkonzepte zu verankern.

Da das bisherige Programm „Männer an der ausserschoulescher Kannerbetreiung“ gezeigt hat, dass viele Träger von Einrichtungen der non-formalen Bildung ein Interesse am Thema haben, wäre unserer Meinung nach auch in Luxemburg eine diesbezügliche fachpolitische Unterstützung der Träger zielführend.


(4)Der Bestand bzw. die Entwicklung der Betreuungsplätze im Bereich der non-formalen Bildung wird im jährlich erscheinenden Rapport d’activités des Ministeriums für Bildung und Erziehung (MENJE) dokumentiert. Landesweit haben sich zwischen 2009 und 2017 die Betreuungsplätze der sogenannten „konventionierten“ Einrichtungen (Services d’éducation et d’accueil conventionés) nahezu verdoppelt, auf insgesamt 40.489 Betreuungsplätze. Bei den privatwirtschaftlichen Einrichtungen (Services d’éducation et d’accueil commerciaux) verfünffachte sich in diesem Zeitraum das Betreuungsplatzangebot nahezu, und zwar von 2.734 auf 12.874 Betreuungsplätze.